Eigene Kraft
Wie weit können wir mit unserer eigenen Kraft gehen? Sollen wir alles im Gebet zu Gott bringen – und dann tatenlos warten, bis Gott das alles für uns erledigt?
Unter Christen hören wir immer wieder den Aufruf: "Wir dürfen nichts aus eigener Kraft tun!" Das ist sicher richtig. Aber wir sehen, dass so eine scheinbar klare Aussage auch gründlich missverstanden werden kann. Ist gemeint, die Hände in den Schoß zu legen? Sollten wir all unsere Pflichten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Gebet zu Gott bringen – und dann tatenlos warten, bis Gott das alles für uns erledigt? Beten ist immer wichtig und richtig, aber das Gebet entbindet uns nicht von der Pflicht, selbst aktiv zu werden. Da kommt die Frage nach der Kraft ins Spiel. Woher kommt die Kraft zum Handeln? Geschieht alles, was ich unternehme "aus eigener Kraft"?
Als Geschöpfe Gottes sind wir Gottes Eigentum. All unsere Talente und Fähigkeiten, unser ganzer Körper, ja all unsere Kräfte kommen von Gott und gehören Gott. Wir besitzen gar keine eigene Kraft! "... denn er (Gott) ist's, der dir Kräfte gibt..." (5. Mose 8,18) "... Der Herr ist meines Lebens Kraft..." (Psalm 27,1)
Was wir unter eigener Kraft verstehen, ist die Leugnung der Tatsache, dass dies eigentlich ein Gottesgeschenk ist. Eigene Kraft bedeutet in dem Sinne: ich nehme die von Gott geschenkte Kraft, beanspruche sie als mein Eigentum und mache damit, was ich will – ohne nach Gottes Willen zu fragen und ihn einzubeziehen.
Doch Gott schenkt uns eine eigene Kraft! Er gibt uns die Möglichkeit, unseren Platz im Leben aktiv zu gestalten. Wir stehen nicht kraftlos vor unseren Aufgaben, unfähig selbst zur Tat zu schreiten. Unser glaubensvolles, um Kraft bittendes Gebet wird nicht unerhört bleiben. "Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch." (Psalm 68, 20).
"Der Glaube verbindet uns mit dem Himmel und verleiht uns Kraft..."
(Ellen G. White, Begegnung mit Jesus Christus, Seite 38 – weitere Zitate aus diesem Titel)
Wozu schenkte Gott mir meine Kraft? "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." (5.Mose 6,5). "Ich gehe einher in der Kraft Gottes des Herrn, ich preise deine Gerechtigkeit allein." (Psalm 71,16). Unsere Kraft möchte bewusst als ein Gottesgeschenk mit Lob und Dank empfangen werden. Wir erkennen unsere Abhängigkeit von Gott in jeder unserer Handlungen. Ob wir ein erfolgreicher Geschäftsmann sind, eine geschickte Hausfrau und liebevolle Mutter, große Leistungen in einem Handwerk oder der Medizin vollbringen, alles ist nicht unser Verdienst, sondern die angewandte Kraft Gottes. Dass wir Gottes Kraft nicht vergeuden, sondern nutzen, ist unsere Pflicht. Als Christen, obwohl wir in der Vorfreude auf eine ewige, neue Erde leben, stehen wir doch mit beiden Beinen in unserer jetzigen Realität und setzen unsere Kraft für die Erfüllung unserer irdischen Aufgaben ein. "Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu, ..." (Prediger 9,10). Gott gibt uns den Verstand, die Notwendigkeiten in unserem Leben zu erkennen, Prioritäten zu setzen, sinnvoll zu planen und uns Wissen anzueignen. Gleichzeitig stellt er uns die Kraft zur Verfügung, damit diese Theorie in die Tat umgesetzt werden kann. Wir sollten uns nicht davor fürchten, etwas aus "eigener Kraft" zu tun, wenn wir uns glaubend und betend vom Geist Gottes geführt wissen. Auch möchten wir uns davor hüten, von anderen zu behaupten: "Das hat er aus eigener Kraft getan!" Wir können es meist gar nicht wissen und haben nicht die Aufgabe, hier zu richten.
Kräfte verzehren sich schnell. Nach einem anstrengenden Tag sinken wir erschöpft ins Bett und möchten vielleicht gar nicht daran denken, was morgen alles von uns gefordert wird. Ausgepowert fragen wir uns: "Werden wir wieder genug Kraft haben – für den nervenaufreibenden Job, die ungeduldigen Kinder, die kranke Mutter, die anstehende Renovierung, die Vorbereitungen des Gemeindefestes und die hilfsbedürftigen, betagten Nachbarn?" Ohne die Verheißung der göttlichen Kraft würden wir verzweifeln.
"Er gebietet uns: "Seid stille, und erkennt, dass ich Gott bin." (Psalm 46,11). Dies ist die erfolgreiche Vorbereitung auf alle Arbeit im Dienste Gottes. Wer auf diese Weise erquickt ist, wird inmitten der eilenden Menge und dem Drang der anspannenden Tätigkeit des Lebens mit einer Atmosphäre des Lichts und Friedens umgeben sein. Er wird mit neuer körperlicher und geistiger Kraft angetan werden. Sein Leben wird einen Wohlgeruch ausströmen und göttliche Macht offenbaren, die das Herz der Menschen erreicht." (Seite 32).
"Er handelte nach dem Wort Christi und Gott gab ihm die Kraft...
Stellt euren Willen auf die Seite Christi. Wenn ihr ihm dient und nach seinem Wort handelt, werdet ihr Kraft empfangen." (Seite 50)
Zur Bewältigung unserer Aufgaben nach göttlichem Willen, zur persönlichen Heiligung und vor allem zum Widerstand gegen Satans Verführungsversuche benötigen wir weit mehr als pure Muskelkraft, Intelligenz und bewundernswerte Begabungen. Ein Kraftprotz kann zu bequem sein, seine Wohnung zu pflegen. Der beliebte Dozent mag kein Nein zum Alkohol finden. Die vor Stärke strotzende Jugendbande könnte spielend mehreren kranken Rentnern den Einkauf erledigen, dem alten Nachbarn den Garten umgraben und bei der Renovierung eines Klubhauses helfen. Statt dessen demolieren sie Spielplätze, verprügeln jüngere Kinder und treiben allerlei andere boshafte Dinge – alles mit erheblichem Kraftaufwand. Satan möchte alles am Geschöpf Gottes verderben und auf seine böse Seite ziehen, auch den Gebrauch der Kräfte.
"Er (Jesus) traf oft mit Menschen zusammen, die unter Satans Herrschaft geraten waren und keine Kraft besaßen, sich aus seinen Fesseln zu befreien. Zu solch einem entmutigten, kranken, verfluchten, gefallenen Menschen sprach Jesus Worte des zärtlichen Mitleids, Worte, wie sie gerade nötig waren und verstanden werden konnten. Er traf andere, die im engsten Handgemenge mit dem Seelenfeind kämpften. Solche ermutigte er, auszuharren und versicherte ihnen, dass sie gewinnen würden, denn es seien Engel Gottes an ihrer Seite und würden den Sieg schenken." (Seite 13).
Um unsere geringen Kräfte richtig zu gebrauchen und noch viel größere Kraft zu bekommen, brauchen wir eine Berührung mit Jesus Christus! Ohne Jesus ist in uns nichts Gutes und wir sind nicht in der Lage, ein gottgewolltes Leben zu führen. Jesus spricht: "... denn ohne mich könnt ihr nichts tun." (Johannes 15,5). Wenn auch rein äußerlich Menschen Löbliches vollbringen mögen, so sieht Jesus doch ins Herz und erkennt ihre Motivation, sieht ihre Freude an der Bewunderung und ihr Herabblicken auf die schwachen Menschen unter ihnen. Bei Jesus zählen keine weltlichen Auszeichnungen, kein guter Platz auf der Karriereleiter, kein in einem luxuriösen Lebensstil zur Schau gestellter Geschäftserfolg. Der Schwache, Leidende und Gescheiterte aber mag sich seiner Schwäche bewusst werden und die Notwendigkeit der Hilfe fühlen. Wie viel näher steht dieser doch Jesus, "denn seine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (nach 2.Korinther 12,9), obwohl die Welt ihn für untüchtig und verloren hält! Jesu Aufgabe auf Erden war es in besonderer Weise die Schwachen zu stärken:
"Kranke wurden auf Betten gebracht. Andere kamen, sich auf einen Stab stützend oder von ihren Freunden geführt und spannten ihre schwachen Kräfte aufs äußerste an, um in die Gegenwart des Heilands zu gelangen." (Seite 15).
"Seine (Jesu) Worte fielen mit gesegneter lebensgebender Kraft in ihre dürstenden Herzen. Neue Regungen wurden in ihnen erweckt und diesen Ausgestoßenen der menschlichen Gesellschaft öffnete sich die Möglichkeit eines neuen Lebens." (Seite 13).
"Seine Stimme erreichte das Ohr der Sterbenden und sie erhoben sich in Gesundheit und Kraft." (Seite 18).
Dieses Werk ist Jesus auch heute bereit zu tun – für dich und mich! Wir können die Erfahrung einer verzweifelten Mutter haben, die Jesus ihre größte Last und Sorge bringt: ihr krankes Kind.
"Der Heiland nimmt eine Mutter aus der Schar heraus und weckt ihr Vertrauen, indem er sagt: "Was soll ich für dich tun?" Seufzend trägt sie ihr großes Verlangen vor: "Meister, dass du mein Kind heilen möchtest." Christus nimmt das kleine Wesen aus ihren Armen und die Krankheit flieht bei seiner Berührung. Die Todesblässe ist verschwunden, der Lebensstrom fließt durch die Adern, die Muskeln empfangen Kraft. Köstliche Worte des Trostes und des Friedens werden zu der Mutter gesprochen. Dann kommt ein anderer, ebenso dringender Fall. Wiederum übt der große Arzt seine lebensspendende Macht aus und alle bringen ihm, der so wunderbare Dinge tut, Ehre und Preis dar. ... Die Mütter waren getröstet. Sie kehrten gestärkt und gesegnet durch die Worte Christi zu ihrem Heim zurück. Sie waren ermutigt worden, ihre Last mit neuer Freudigkeit aufzunehmen und mit neuer Hoffnung für ihre Kinder zu arbeiten." (Seite 21.22.).
"Was auch eure Schwierigkeiten und Prüfungen sein mögen, legt euren Fall dem Herrn vor. Euer Geist wird gestärkt werden, es zu ertragen. Der Weg wird sich öffnen, dass ihr euch selbst aus den Verwicklungen und Schwierigkeiten befreien könnt. Je schwächer und hilfloser ihr euch selber wisst, desto stärker werdet ihr in seiner Kraft werden." (Seite 43).
"Sie arbeiteten geduldig und ausdauernd, verließen sich nicht auf menschliche Kraft, sondern auf Gott, und seine Gnade unterstützte sie." (Seite 105).
Unsere Sorge mag eine andere sein. Die Berührung durch Jesus möchte aber auch uns neue Kraft verleihen. Diese Kraft ist Gottes Kraft, eine Leihgabe wie wir selbst mit unserem Körper und unserem ganzen Leben. Durch rechten Gebrauch unserer Kräfte bereiten wir Gott Ehre und vermehren diese Gabe zum Segen für andere. Wir sollten weder durch übertriebene Schonung unsere Kräfte behalten wollen noch durch einen übermäßigen Krafteinsatz unsere Muskeln und Nerven trainieren wollen. In beiden Fällen wird der Effekt Kraftverlust sein. Die Anwendung der gesunden Lebensweise mit den göttlichen Gesundheits- und Heilfaktoren ist in Bezug auf unsere Kräfte unerlässlich. Die Ausgewogenheit von Arbeit (Bewegung) und Ruhe möge als göttliches Rezept zum Umgang mit unserer Kraft genannt werden.
"Christi Nachfolger sollen das Licht der Welt sein. Unser himmlischer Vater gebietet ihnen jedoch nicht, sich anzustrengen, damit sie leuchten. Gott billigt keine selbstzufriedene Bemühung, gütiger als andere scheinen zu wollen. Er wünscht, dass ihre Seelen mit den Grundsätzen des Himmels erfüllt sind. Wenn sie dann in Berührung mit der Welt kommen, werden sie das Licht offenbaren, das in ihnen ist. Ihre standhafte Treue in jeder Handlung des Lebens wird ein Mittel der Erleuchtung sein." (Seite 19).
Lasst uns dankbar die Kraft Gottes empfangen. Gott gibt jedem nach seinem Teil und wir stehen nicht im Wettbewerb untereinander. Wer eine kleine Kraft hat, darf auch diese freudig einsetzen. Wem mehr Kraft beschienen ist, der ist nicht besser oder frömmer, sondern kann und sollte größere Aufgaben übernehmen – alles zur Ehre Gottes und zum Dienst am Nächsten.
"Wie oft sinkt uns das Herz, wenn wir die Not der Armen, der Betrübten, der Unwissenden sehen. Wir fragen: "Was vermögen unsere schwachen Kräfte und unsere geringen Vorräte, um dieser schrecklichen Not abzuhelfen? Sollen wir nicht warten, ob jemand von größeren Fähigkeiten die Arbeit in die Hand nimmt, oder dass irgend eine Hilfsorganisation es unternimmt?" Christus sagt: "Gebt ihr ihnen zu essen." Gebraucht die Mittel, die Zeit, die Fähigkeit, die ihr habt, bringt eure Gerstenbrote zu Jesus." (Seite 27).

