Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt

Ein oftmals falsch interpretierter Vers.

"Denn zu welchem von den Engeln hat er jemals gesagt: 'Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt'? Und wiederum: 'Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein'?" (Hebräer 1,5).

Im Neuen Testament bezeichnet der Ausdruck "zeugen" (griechisch gennao) nicht nur die Fähigkeit der menschlichen Fortpflanzung (gennao wird auch als "gebären" verwendet), sondern  hat auch eine geistliche/symbolische Bedeutung. Als Jesus mit Nikodemus spricht, gebraucht er gennao, um die geistliche Wiedergeburt darzustellen (siehe Johannes 3,3-8). Gennao bedeutet auch "jemanden zu etwas machen oder jemanden zu einer Überzeugung bringen". Paulus verwendete diesen Ausdruck in diesem Sinne mehrmals. Zu der Gemeinde in Korinth sagte er: "...denn ich habe euch in Christus Jesus gezeugt durch das Evangelium." (1.Korinther 4,15). Und über Onesimus lesen wir: "...mein Kind, das ich in meinen Fesseln gezeugt habe" (Philemon 1,10). Auch wird gennao in einem bildlichen Sinn vom Apostel Paulus in seinem Brief an Timotheus verwendet. Hier warnt er Timotheus vor den Menschen, die nur "Zank gebären." (2.Timotheus 2,23).

Wie das Wort "zeugen" - gennao - in Hebräer 1,5 zu verstehen ist, kann man nur herausfinden, wenn man den mittelbaren und unmittelbaren Kontext berücksichtigt. In diesem Text werden zwei Zitate aus dem Alten Testament angeführt, die zwei Zusagen Gottes über das Königtum Davids beinhalten.

Das erste Zitat befindet sich in Psalm 2,7: "Ich will den Ratschluss des HERRN verkünden; er hat zu mir gesagt: 'Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt'." Gott sprach zum Verfasser dieses Psalmen. Wer war der Verfasser? In Apostelgeschichte 4,25 wird Psalm 2,1 zitiert und dabei gesagt, dass David der Schreiber von diesem Psalm ist. Warum und worüber sprach Gott zu David? Gott sagte, er hätte David als König eingesetzt und ihm die Herrschaft über die Völker übergeben (Verse 6-9). Die Aussage "heute habe ich dich gezeugt" beschreibt im Psalm 2,7 nicht ein biologischer Vorgang, bei dem körperliches Leben entsteht oder hervorgerufen wird, sondern eine Handlung Gottes, bei der ein König eingesetzt wird, der in seinem Auftrag regieren soll. Dieser König wird hier "der Sohn" genannt. Dadurch wird zum Ausdruck gebracht, dass David und sein Nachkommen ein Anrecht auf das Königtum durch göttliche Bestimmung hatten und nicht durch direkte Blutnachfolge, denn David stammte nicht von Saul ab.

Die zweite Bibelstelle, die in Hebräer 1,5 zitiert wird, stammt aus 2.Samuel 7,13-15. Gott sprach hier auch zum König David. Über welches Thema? Gott sagte, dass Davids Nachkomme, Salomo, sein Königtum fortführen und einen Tempel zur Ehre Gottes bauen würde. Sein Königtum sollte für immer bestehen. Mit der Aussage "Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein" wollte Gott  betonen, dass er sich mit der Familie Davids identifizierte und diese im Namen und Auftrag Gottes, als seine Stellvertreter, regieren würden.

Beide Verheißungen Gottes an David werden in Hebräerbrief messianisch erklärt. Das heißt, sie werden von den Schreibern des Neuen Testaments als Prophezeiungen angesehen, die sich im Leben und Wirken Jesu erfüllt haben.

Die Beantwortung einer zusätzlichen Frage kann uns helfen, unsere Erkenntnisse über diesen Bibeltext zu erweitern. Was ist das Thema in Hebräer 1? Jesus wird hier als der vollkommene Prophet dargestellt, durch den Gott zu den Menschen spricht. Sein Amt ist höher als das des Propheten Mose, der von ihm prophezeit hatte (siehe Hebräer 1,1-2; Hebräer 3,3-6; 5.Mose 18,15). Jesus ist der vollkommene Priester, der selbst die Reinigung der Sünden vollbracht hat und zur Rechten der Majestät sitzt (siehe Hebräer 1,4.14). Er ist der vollkommene König, den alle Engel anbeten und von dem geschrieben wird: "Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Zepter deines Reiches ist ein Zepter des Rechts." (Hebräer 1,7-8).

Jesus: Prophet, Priester und König! Das ist das Thema, das im Hebräerbrief entfaltet wird. Der Ausspruch: "Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt" ist die Bestätigung der Ämter und Funktionen Jesu Christi im Erlösungsgeschehen. Auf keinen Fall wird damit gesagt, dass Jesus Christus vor seiner Menschwerdung entstanden, im biologisch-genetischen Sinn geboren oder gezeugt wurde.

Die Gegenüberstellung, die in Hebräer 1 zwischen Christus und den Engeln gemacht wird, bestätigt die symbolische Bedeutung des Ausdrucks "Ich habe Dich gezeugt". Christus ist der Schöpfer (Vers 10),  die Engel sind seine Geschöpfe und Diener (Vers 7). Vom Sohn wird gesagt "Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Zepter deines Reiches ist ein Zepter des Rechts." (Vers 8).

Auch in Apostelgeschichte 13,32-33 und Hebräer 5,5 wird die Textstelle von Psalm 2,7 messianisch gedeutet, deren Erfüllung bei der Auferstehung und Priesterschaft Jesu stattfand.

"Als Christus zu den Toren des Himmels eingegangen war, wurde ihm der Thron übergeben, wobei ihn die Engel anbeteten. Sobald diese feierliche Handlung beendet war, kam der Heilige Geist in reicher Fülle auf die Jünger herab. So wurde Christus in der Tat mit jener Klarheit verklärt, die er von Ewigkeit her beim Vater gehabt hatte. Durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten teilte der Himmel mit, dass die Einsetzung des Erlösers geschehen war. Er hatte den Heiligen Geist vom Himmel gesandt zum Zeichen, dass er nun als Priester und König alle Gewalt im Himmel und auf Erden erhalten habe und der Gesalbte über sein Volk sei." (Ellen G. White, Wirken der Apostel, Seite 40).

"Mose weissagte gegen Ende seines Wirkens als Führer und Lehrer Israels klar von dem Kommen des Messias: 'Einen Propheten wie mich wird dir der Herr, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen.' Und er versicherte den Israeliten, dass Gott selbst ihm dies auf dem Berge Horeb mit den Worten offenbart habe: 'Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.' (5.Mose 18,15.18)" (Ellen G. White, Wirken der Apostel, Seite 222).

"Auch Jeremia gab Zeugnis von dem kommenden Erlöser und sprach von ihm als einem Fürsten aus dem Hause Davids: 'Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird: >Der Herr unsere Gerechtigkeit<.' (Jeremia 23,5.6). Und an anderer Stelle: 'So spricht der Herr: Es soll David niemals fehlen an einem, der auf dem Thron des Hauses Israel sitzt. Und den levitischen Priestern soll's niemals fehlen an einem, der täglich vor meinem Angesicht Brandopfer darbringt und Speisopfer in Rauch aufgehen lässt und Opfer schlachtet.' (Jeremia 33,17.18)" (Ellen G. White, Wirken der Apostel, Seite 223).

Gustavo Castellanos, 17. 07. 2007

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