Der Erstgeborene
"Welcher das Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, der Erstgeborene aller Kreatur." (Kolosser 1,15. Schlachter 1951).
Dem erstgeborenen Sohn wurde in den Zeiten des Alten Testaments eine vorrangige Stellung in der Familie eingeräumt. Der Familienstammbaum wurde über die Linie des Erstgeborenen geführt, auch wenn die anderen Söhne genannt wurden; manchmal wurde nur der Erstgeborene Sohn in der Auflistung erwähnt (siehe 1.Chronik 7,1-4; 1.Mose 11,12-13). Das Erbteil des Erstgeborenen war doppelt so groß wie das seiner Brüder (siehe 5.Mose 21,17). Aber nicht nur materielle Vorteile, sondern auch moralisch-geistliche Vorrechte waren mit dem Erstgeburtsrecht verbunden. Gott betonte die Heiligkeit der Erstgeburt (siehe 2.Mose 34,19; 4.Mose 18,15).
Im Zeitalter der Patriarchen hatte der Erstgeborene Sohn Anspruch auf die Führung der Sippe und war in religiösen Angelegenheiten mit der Funktion eines Priesters bekleidet (siehe 1.Mose 25,23; 1.Mose 27,29; 4.Mose 3,12-13; 4.Mose 8,18.). Das Erstgeburtsrecht wurde als ein besonderer Segen Gottes verstanden. Dies alles erklärt, warum sich Jakob mit allen Mitteln bemühte das Erstgeburtsrecht seines Bruders Esaus zu bekommen. Das Erstgeburtsrecht war aber weder durch eine Entscheidung des Vaters, noch durch Intrigen der Brüder übertragbar.
Nur durch einen Entschluss Gottes war es möglich, den Segen und die Vorrechte der Erstgeburt vom tatsächlichen Erstgeborenen auf andere - jüngere Brüder - zu übertragen. So wurde beispielsweise Ephraim als der "Erstgeborene" bezeichnet, auch wenn bei der Geburt sein Bruder Manasse als erster das Licht der Welt sah (siehe Psalm 31,9). Auch Joseph, der elfte von zwölf Brüdern, bekam das Erstgeburtsrecht übertragen (siehe 1.Chronik 5,2). Isaak, der weder der erster noch der einzige Sohn Abrahams war, bekam die Rechte des Erstgeborenen auf Grund der Verheißung Gottes.
Auch Menschen, die von Gott für besondere Aufgaben auserwählt wurden, bekamen diese Auszeichnung in der Bibel. Hier kann man die Beispiele von Jakob (siehe 2.Mose 4,22), den Lieblingssohn Sarahs und König David, den jüngsten von acht Söhnen, erwähnen (siehe Psalm 89,28).
Zusammenfassend: Der Begriff "Erstgeborener" wird im Alten Testament auf drei verschiedenen Weisen verwendet:
- Für den ältesten Sohn einer Familie
- Für Menschen, die nicht die Erstgeborenen waren, aber das Erstgeburtsrecht von Gott übertragen bekamen und
- Sinnbildlich, als ein Titel, wenn der Träger auf einer besonderen Weise ausgezeichnet wurde.
Im Neuen Testament erscheint das griechische Wort für "Erstgeboren", also prototokos, neun mal. In zwei Stellen wird es im Zusammenhang mit der Geburt Jesu verwendet. Er wird als der "Erste" (prototokos) Sohn Marias erwähnt (siehe Matthäus 1,25; Lukas 2,7; auch in Hebräer 11,28 wird prototokos im wörtlichen Sinn verwendet). Hier wird dieser Ausdruck offensichtlich in einem wörtlichen, biologischen Sinn gebraucht, um zu betonen, dass Maria zuvor keine Kinder geboren hatte. Also betrifft hier prototokos nicht die Präexistenz Jesu, sondern seine Menschwerdung.
Fünf mal wird prototokos für Jesus als Titel, mit einer symbolischer Bedeutung, gebraucht. Jesus Christus ist, so der Apostel Paulus, der "Erstgeborene über aller Schöpfung", aber auch der "Erstgeborene von den Toten", "damit er in allem der Erste sei" (siehe Kolosser 1,15,18 - Schlachter 2000). Die bildliche Anwendung des Begriffes ist hier deutlich. Besitz-, Königs- und Priesterrechte hat Jesus Christus nicht durch Verleihung oder Vererbung - als ob er das ersterschaffene oder erstgeborene Wesen wäre - sondern weil er der Schöpfer und Erlöser ist.
Auch wenn die Auferstehung Jesu Christi nicht chronologisch die erste ist, die in der Bibel erscheint, ist sie mit Abstand die wichtigste, weil sie den Sieg über den Tod und der Anfang der neuen Schöpfung ist. In diesem Sinn ist Jesus auch der "Erstgeborene" (siehe Offenbarung 1,5). In Römer 8,29 ist Jesus Christus der "Erstgeborene" unter vielen Brüdern, weil seine Nachfolger zu seinem Ebenbild durch das Wirken des Heiligen Geistes umgewandelt werden. Hier wird wieder prototokos nicht in einem biologischen Sinn, sondern geistlich-symbolisch verwendet, um die vorrangige Stellung Jesu und die Wichtigkeit seines Wirkens für den Menschen zu veranschaulichen.
In Hebräer 1,6 wird durch prototokos die Gottheit Jesu hervorgehoben. Im Unterschied zu den Engeln, die anbetende Geschöpfe sind, ist der "Erstgeborene" der anbetungswürdige und ewige Gott, von dem gesagt wird: "Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Das Zepter deines Reiches ist ein Zepter des Rechts." (Hebräer 1,8).
Moderne Arianer und Semi-Arianer (Anmerkung: Arius - gestorben ca. 335 - war ein Presbyter in Alexandrien. Unter Einfluss der aristotelischen Philosophie lehrte er, dass Gott die Ursache ist und der Logos die Wirkung. Also sei Jesus gezeugt und geworden. Nur der Vater ist ungezeugt und ungeworden. Jesus ist demnach das höchste Geschöpf Gottes und ist deswegen Gott nicht wesensgleich. Moderne Semi-Arianer glauben, dass Jesus nicht erschaffen wurde, sondern von Gott geboren wurde und daher nicht Gott wesensgleich sein kann.) möchten in diesem Titel einen Beweis dafür sehen, dass Jesus von Gott erschaffen beziehungsweise in einem biologischen Sinn entstanden ist. Doch ist die Bezeichnung Jesu als der Erstgeborene eines der deutlichsten und schönsten Zeugnisse der Heiligen Schrift über seine Gottheit.
"'In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.'" (Johannes 1,4). Hier wird nicht das physische Leben angesprochen, sondern ewiges Leben, dieses Leben, das ausschließlich Gottes Eigenschaft ist. Das Wort, das bei Gott und selbst Gott war, besaß dieses Leben. Jede Person erhält das physische Leben. Es ist weder ewig noch unsterblich; denn Gott, der Lebensspender, nimmt es wieder. Der Mensch bestimmt nicht über sein Leben. Aber das Leben Christi war nicht geliehen. Niemand kann ihm dieses Leben nehmen. 'Ich lasse es von mir selber' (Johannes 10,18), sagte er. In ihm war ursprüngliches, nicht geliehenes, nicht abgeleitetes Leben ..." (Ellen G. White, Signs of the times, 08.04.1897. Siehe auch Ellen G. White, Bibelkommentar, Seite 313).
"Martha antwortete: 'Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird in der Auferstehung am Jüngsten Tage.' Der Heiland versuchte ihren Glauben in die richtigen Bahnen zu lenken und sprach zu ihr: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben.' In Christus ist ursprüngliches, nicht geliehenes, nicht abgeleitetes Leben. 'Wer den Sohn hat, der hat das Leben.' (1.Johannes 5,12). Die Gottheit Christi bedeutet für den Gläubigen die Gewissheit des ewigen Lebens..." (Ellen G. White, Desire of Ages, Seite 530, 1898. Siehe auch Ellen G. White, Das Leben Jesu, Seite 523).
"Der zweite Tempel wurde nicht durch die Wolke der Herrlichkeit Gottes (engl. Jehovah) geehrt, sondern durch die lebendige Gegenwart des Einen, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnte - der selbst Gott war, offenbart im Fleisch. 'Das Ersehnte aller Heiden' war tatsächlich zu seinem Tempel gekommen als der Mann von Nazareth in den heiligen Vorhöfen lehrte und heilte. Durch die Gegenwart Christi, und nur dadurch, übertraf der zweite Tempel die Herrlichkeit des ersten." (Ellen G. White, The Great Controversy, Seite 24, 1888. Siehe auch Ellen G. White, Der Große Kampf, Seite 24).
"Es bietet sich kein traurigeres Schauspiel, als wenn die Menschen, die durch das Blut Christi erkauft worden sind [...], die Botschaften, die ihnen im Evangelium so gnädiglich gesandt wurden, ins Lächerliche ziehen, und die Gottheit Christi leugnen und sich dabei auf ihren beschränkten Verstand verlassen und auf Argumente, denen jede Grundlage fehlt. Wenn sie durch Leiden geprüft werden, wenn sie dem Tod ins Auge schauen müssen, werden all diese Trugschlüsse, an die sie sich gehängt haben, wie Raureif im Sonnenschein dahin schmelzen." (Ellen G. White, The Signs of the Times, 21.04.1890. Siehe auch Ellen G. White, Maranatha, Seite 37).
Hervorhebungen in allen Zitaten sind vom Verfasser.
